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Fünf Fragen an DARUM

AUSGANG: OFFEN, die nach „Ungebetene Gäste“ (nominiert für den Nestroy-Spezialpreis 2019 und eingeladen zum Impulse Theater Festival 2020) zweite Produktion des Wiener Performancekollektivs DARUM, hätte Anfang April 2020 als eine vom Publikum jeweils einzeln begehbare Installation in den verlassenen Büroräumlichkeiten eines ehemaligen Gebäudekomplexes im Süden Wiens Premiere gefeiert. Durch die Coronakrise und die damit verbundenen Veranstaltungsbeschränkungen wurde schnell klar, dass das Projekt nicht in seiner ursprünglichen Form stattfinden können wird. Das film-erfahrene Wiener Künstler*innenkollektiv DARUM erarbeitete daraufhin die Idee eines immersiven, aus der Egoperspektive erlebten Experimentalfilms, der seine Zuschauer*innen die performative Installation durch das Kameraauge erleben lässt und in unverhüllter Intimität mit verschiedenen Manifestationen von Tod, Sterben und Vergänglichkeit konfrontiert.


Hier beantwortet das Kollektiv im Gespräch mit Patrizia Büchele einige Fragen zum Performanceprojekt und der Adaptierung zu einem experimentellen Performancefilm.


Die Installation AUSGANG: OFFEN war ursprünglich als sehr intime Live-Erfahrung, als 1:1-Performance für je eine(n) Zuschauer*in gedacht. Warum habt ihr euch für eure Adaption für das Medium Film entschieden?


AUSGANG: OFFEN wurde geplant als eine begehbare Installation mit Elementen der Performance sowie der Ton- und Medienkunst, in der sich das Publikum einzeln durch eine Vielzahl an Räumen bewegt – und das in einer klar von uns vorgegebenen Taktung und Reihenfolge. In den Räumen wäre es unseren Performer*innen unmittelbar gegenüber gesessen und hätte in ihre Gesichter geblickt, um für die Dauer der einzelnen Szenen von verschiedenen Erfahrungen mit dem Tod zu hören – ein sehr intimes Setting. Auf diese Weise wäre es möglich gewesen, unseren Zuschauer*innen mit etwas Zeitabstand nach und nach dieselbe Reise durch den von uns gestalteten Spielort aus derselben unmittelbaren Perspektive zu ermöglichen. All diese Faktoren hatte die von uns geplante Performance mit dem Medium Film gemein, in dem das Kameraauge ebenfalls den Blick des Publikums lenkt, durch Nahaufnahmen eine im Theater undenkbare Unmittelbarkeit ermöglicht wird und Ortswechsel praktiziert werden. Durch die Realisierung der Performance als einen aus der Egoperspektive gefilmten Experimentalfilm können wir für diese Intimität und Konfrontation nun eine künstlerische Übersetzung finden, in der das Kameraauge den Platz unserer Zuschauer*innen einnimmt – fast als wären diese selbst live vor Ort – und sie mit auf eine sehr intensive Reise nimmt. Dieser Wechsel zwischen Nähe und Distanz, Stillstand und Bewegung schien uns in einer anderen Umsetzung kaum möglich.


Der Film führt sein Publikum an einen sehr ungewöhnlichen Ort – einen riesigen leerstehenden Bürokomplet im Süden Wiens. Warum bietet sich dieser Ort für eure Arbeit an?


Wir waren für AUSGANG: OFFEN auf der Suche nach einem Ort, der widerspiegelt, worum es auch im Projekt selbst geht: Vergänglichkeit. Der Bürokomplex, in dem unser Experimentalfilm spielt, steht seit einigen Jahren weitgehend leer und hat seine Blütezeit längst hinter sich. Die wenigen Artefakte des einstigen Arbeitsalltags können wir jetzt nurmehr in Form von kaputten Jalousien oder Kaffeeflecken und Möbelabdrücken auf Teppichböden sehen. Wir fanden diese Spuren spannend. Die Zuschauer*innen bewegen sich zudem selbst durch den Bürokomplex und die darin verhandelten Schicksale. Raum für Raum treffen sie auf verschiedene Menschen und erfahren von ihren Geschichten. Dieses Eintreten in und Besuchen von Räumen war uns wichtig, um die Intimität, die auch das Teilen der Erlebnisse darstellt, hervorzuheben – fast so, als würde man jemanden zu Hause besuchen. Für diese Architektur aus vielen etwa gleich großen, hintereinanderliegenden Räumen war unser Spielort gut geeignet. Nicht zuletzt wollten wir unser Publikum, das durch die unglaubliche Nähe des Formats zugegebenermaßen durchaus intensive und intime Begegnungen machen wird, nicht durch die Rahmung eines klassisch-institutionalisierten Spielorts in eine vertraute Umgebung und dadurch in eine automatisch angenehmere Position bringen. Für AUSGANG: OFFEN suchen wir bewusst die Konfrontation, die Irritation.


AUSGANG: OFFEN gliedert sich ähnlich einem Episodenfilm in verschiedene Kapitel, die ein übergeordnetes Thema behandeln, aber einzelne Geschichten erzählen. Wie kam es zu dieser Entscheidung?


Wir wollten uns für AUSGANG: OFFEN mit verschiedensten Facetten – oder wie wir es auch nennen: Gesichtern – des Todes befassen, um dem Thema in einer Vielschichtigkeit zu begegnen und ihm gleichzeitig seine Abstraktion zu nehmen, die vielmals Betroffenheit und Lähmung in uns auslöst, und ihn stattdessen zu etwas Verhandelbarem, Konkretem machen. Die Gesichter des Todes verstehen wir dabei sowohl metaphorisch als auch ganz konkret im Sinne von physischen Manifestationen von Tod, Sterben und Verwesung: in Form der Geschichten realer Menschen, die von ihren unmittelbaren Erfahrungen mit Tod erzählen und ihm somit ein Gesicht geben, in das die Zuschauer*innen blicken. Das 1:1-Format und die sehr persönlichen Ansichten und Geschichten in Kombination mit der Heterogenität unserer Protagonist*innen und ihrer Schicksale sollen ein stückweises Vordringen zu dem Unbegreiflichen und der eigenen Beziehung dazu ermöglichen – ohne falschen Anspruch auf Vollständigkeit. Jede Geschichte steht für sich.


Ihr habt für eure Recherche mit Menschen gesprochen, die aus unterschiedlichen Gründen mit dem Tod in Berührung kommen/kamen. Wie hat sich diese Recherche gestaltet? Und welche Perspektiven auf den Tod sind euch dabei begegnet?


Für unsere Recherche haben wir zunächst bestimmte Facetten herausdestilliert, die uns in Bezug auf das Thema wichtig erschienen – beispielsweise: der Tod aus professioneller Perspektive, der Tod aus Perspektive der Hinterbliebenen usw. Daraufhin haben wir nach einer anfänglichen Online-Recherche mit einer Vielzahl an Menschen Kontakt aufgenommen und um ein Gespräch gebeten, um von ihren Erfahrungen zu hören. Da das Sprechen über Tod für viele allerdings eine sehr sensible Angelegen-heit darstellt und selbstverständlich viel mit Vertrauen zu tun hat, hat unsere Suche in vielen Fällen viele Wochen und mehrere Umwege in Anspruch genommen. Wir haben auf unserer monatelangen Recherche mehrere Altenheime, Hospiz- und Palliativstationen besucht, wir haben Menschen gesprochen, die beruflich mit dem Thema Tod und Sterben in Berührung kommen (Ärzt*innen und Bestatter*innen, Therapeut*innen und Sozialarbeiter*innen, Trauer- und Sterbebegleiter*innen, Wissenschaftler*innen und Buchautor*innen) und nicht zuletzt unheilbar Erkrankte, Menschen mit Nahtoderfahrung und Hinterbliebene.


Die Themen Tod und Sterben, die für viele ein Tabu darstellen, sind momentan aus gegebenem Anlass in allen Medien dauerpräsent. Das ist sonst nicht immer so. Wie hat sich dieser Umstand auf euer Projekt ausgewirkt?


Man hört oft und gerne, dass der Tod ein Tabuthema sei. Unserer Erfahrung nach ist das sowohl richtig als auch falsch. Richtig insofern, als viele Menschen nur ungern über den eigenen Tod oder unmittelbare Trauererfahrungen sprechen; falsch hingegen, als der Tod als abstrakte Größe ständig ein Thema ist, sei es in den Nachrichten, im persönlichen Smalltalk oder in den Unterhaltungsmedien. Was wir mit AUSGANG: OFFEN versuchen, ist, den sehr persönlichen Aspekt, den ein einschneidendes Erlebnis mit den Themen Sterben, Tod und Trauer mit sich bringt, in den Fokus zu rücken. Menschen, die dem Tod auf die ein oder andere Weise näher gekommen sind bzw. kommen, als es die meisten von uns vielleicht im Alltag tun, sprechen Texte, die auf Grundlage von Gesprächen und Interviews mit ihnen selbst sowie anderen auf diese Weise betroffenen Menschen entstanden und von uns literarisch verdichtet wurden.


Durch die derzeitig weltweit wütende Coronakrise mit ihren Tausenden von Toten rückt das Thema Tod stärker als üblich in den Fokus unserer Aufmerksamkeit. Plötzlich sind es nicht mehr nur „die Anderen“, die von einer tödlichen Naturkatastrophe und medizinischer Unterversorgung betroffen sind, auf einmal trifft es unsere unmittelbare Umgebung. Jeder kennt einen oder mehrere, die zur Risikogruppe gehören, jeder trägt entsprechende Sorgen in sich; nicht wenige gehören sogar selbst zur Risikogruppe. Zeitgleich handelt es sich bei dieser (natürlich völlig nachvollziehbaren) Fokussierung auf die Folgen der Pandemie natürlich auch wieder um eine eingeschränkte Perspektive; gestorben wird schließlich immer und überall – und aus verschiedensten Gründen. Unsere (Todes-)Angst vor einem noch weitgehend unerforschten Virus lässt uns trotz medialer Dauerpräsenz weitgehend allein mit all den anderen mitunter bohrenden Fragestellungen, die die Themen Tod und Sterben in uns auslösen. Daher glauben wir, dass ein Projekt wie AUSGANG: OFFEN, ohne die Zeit und Umstände seiner Entstehung zu ignorieren, zusätzliche (vielleicht tröstende, vielleicht aber auch beunruhigende und neue) Fragen aufwerfende Perspektiven bieten kann auf ein zeitloses Thema, das uns alle angeht, aber vielleicht gerade jetzt besonders relevant erscheint.

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