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Der letzte Marsch

Wie jeden Tag dieser Woche führt uns auch der heutige quer über den weitläufigen Wiener Zentralfriedhof. Nach 45 Minuten Fahrt mit den Öffentlichen folgt erst der Weg zur Aufbahrungshalle 3 – eine lange Straße, die vorbeiführt an der Gruppe der Kindergräber, den prominent Verstorbenen des Ehrenhains und den Opfern des Zweiten Weltkriegs. Viele Eindrücke für die frühe Uhrzeit. Zu viele. Der somnambule Zustand, in dem ich schlafwandlerisch über den Friedhof torkle, verunmöglicht allerdings eine Fortführung solch schwerer Gedanken.


An der Aufbahrungshalle angekommen, folgt das Warten. Die Särge der heutigen Sozialbegräbnisse werden bereits in mehreren aneinander angrenzenden Räumen aufgebahrt. Im Falle, dass Angehörige erscheinen, treten wir sofort unseren Heimweg an – so die Abmachung. Schließlich wollen wir niemanden in seiner Trauer stören. Wir begleiten ausschließlich jene Begräbnisse, die ohne uns einsam bleiben.


Auch heute bleibt einer der Räume leer. Die Friedhofsmitarbeiter kennen uns bereits und winken uns. Auch heute die Frage: „Und, geht's ihr da mit?“ Ja, wir gehen mit. Ab jetzt geht es schnell. Nach einem zugegen gewöhnungsbedürftig kurzen und pragmatischen Prozedere, das kaum zulässt, seine Gedanken geschweigedenn Gefühle zu dem Erlebten zu sortieren, wird der Sarg ins Freie getragen und verladen. Offene Leichenwagen bringen die Toten von der Halle zu ihrem Grab. Wie an einem Taxistand stehen sie vor dem Gebäude am hintersten Rand des Friedhofes und warten auf ihre Gäste. Einer nach dem anderen fährt in langsamem Tempo los. Dazu Glockenläuten. Wir folgen dem ersten Wagen zu Fuß. Ich denke: Zwingen wir sie durch unsere bloße Anwesenheit zur Einhaltung des Trauer-Tempos? Ob sie ohne uns wohl die Fahrt beschleunigen und dadurch früher Pause machen könnten? Es fühlt sich nach Ironie an, dass ausgerechnet im Januar die Gruppe der Sozialgräber am anderen Ende des Friedhofs liegt. 75A. Es ist ein weiter Weg. 25 kalte Minuten laufen wir in andächtigem Tempo hinter dem Leichenwagen her. Ich lasse mich ein wenig zurückfallen und denke nach. Nach wenigen Tagen kenne ich den Weg gut – jede Abzweigung, jeden auffälligen Garbschmuck. Von meinen Lieblingsgrabsteinen kann ich bereits als Wegmarkierungen die noch vor uns liegende Strecke ablesen.


Ich bemerke H., der mitsamt Fahrrad und Grabschaufel am Gepäckträger neben mir läuft. H. ist Totengräber und führt – strenger Friedhofshierarchie folgend – den nächsten Leichenzug an. Scheinbar hatte ich mich derart nach hinten treiben lassen, dass ich (meine Aufgabe ist es, Schlusslicht zu sein) nun gleichauf mit H. (der den nächsten Verstorbenen in der Reihe sicher zur Gruppe 75A geleitet) bin. Ich habe H. schon öfter gesehen in den letzten Tagen. Er interessiert sich für unser Projekt und stellt mir Fragen dazu. Auch ich durchlöchere ihn mit Tausenden Fragen zu seinem Beruf. Es ist schön, wie offen er über seine 28 Jahre als Totengräber spricht – über die schweren ersten Jahre bis hin zur schrittweisen Distanzierung und der Akzeptanz des notgedrungen beruflichen Pragmatismus.

Aus einem seltsamen Grund fühlen sich die Begegnung und unser Gespräch verboten an. Außer uns spricht hier niemand. Alle stapfen – einem Pilgermarsch gleich – in gleichmäßigem Schritt an das andere Ende der Anlage. Nicht einmal von den Fahrzeugen ist etwas zu hören. Elektromotor. Die aufgeladen heilige Stimmung, die mich seit einigen Tagen jeden Morgen auf unserem Marsch begleitet, scheint mir die letzte Ehrerweisung in einem sonst auf das Wesentlichste reduziertem Prozedere zu sein. Gemeinsam mit dem Friedhofspersonal begleiten wir die Verstorbenen auch bei – 9° C und Schnee bis zum bitteren Ende (des Zentralfriedhofs).


Am ersten Tag noch das Gefühl von Massenabfertigung (mehrere Begräbnisse zur selben Uhrzeit, ein Raum nach dem anderen, darin die Trauernden, dann der Leichenzug aus Autos und Fußvolk), verstehe ich heute zum ersten Mal die Schönheit dieses Trauerschwarms. H. und ich stellen gleichzeitig fest, wie tröstend es ist, dass die Toten auf ihrer letzten Reise nicht alleine sein müssen. Selbst im Falle, dass von niemandem Angehörige erscheinen, leisten sich zumindest die Verstorbenen gegenseitig Gesellschaft im letzten Marsch, der an ihr Grab führt.

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